9. Juni 2026

Die Geburt des Lebens aus dem Meer

journal form goethe eiform

Das Ei ist die Form, zu der ich immer wieder zurückkehre.

Das Ei — Gefäß des Lichtes!

Es gibt Formen, die man wählt, und Formen, die einen wählen. Das Ei ist bei mir das zweite. Es taucht über die Jahre immer wieder auf — als Tafel, als Schieferarbeit, als leuchtende Skulptur. Nicht weil ich es mir vornehme, sondern weil es offenbar die Form ist, in der sich für mich Ursprung denken lässt. Und Ursprung heißt hier vor allem eines: Geburt — Leben, das aus dem Meer steigt. Genau dort, im Wasser, hat dieses Ei für mich angefangen.

Das Weltei

Fast alle alten Schöpfungserzählungen kennen es: das Weltei. Im orphischen Mythos schlüpft die Welt aus einem silbernen Ei; die indische Überlieferung nennt es Brahmanda, das Ei des Brahma, in dem der ganze Kosmos zusammengefaltet liegt. Das Ei ist die Form des Noch-nicht — alles ist darin, aber nichts ist schon entfaltet. Walter Russell beschrieb Schöpfung als ein Spiel konzentrischer Wellen um ein zentrales Nichts; das Ei ist die sichtbare Hülle genau dieses Gedankens.

Blau, das sich erhellt — aus dem Meer

Eiförmige Tafel: oben ultramarinblauer Himmel, unten türkis-smaragdgrünes Meer.
Mein erstes kleines Ei — oben der ultramarinblaue Himmel, unten das smaragdgrüne Meer. Geboren aus dem Atem unter Wasser.
Das Ei — Gefäß des Lichtes.
Tafelmalerei auf Holz, 2021 · 19 × 13 cm

Dieses erste kleine Ei kam aus dem Meer. Beim Schwimmen in der Ostsee, den Kopf unter Wasser: zum Atemholen empor in den ultramarinblauen Himmel, zum Ausatmen hinab ins Türkis- und Smaragdgrüne. Wer nie im Meer geschwommen ist, kann das kaum nachfühlen — dieses Bild versucht, genau dieses Gefühl zu halten. Das Ei steht dabei für die Wiedergeburt aus dem Wasser: Botticellis schaumgeborene Venus steckt darin.

Die beiden Farben am Horizont sind dabei mehr als Himmel und Meer: Sie sind das Einatmen und das Ausatmen. Man holt tief Luft gegen den ultramarinblauen Himmel und stößt sie unter Wasser ins türkisgrüne Meer wieder aus — Ein und Aus, oben und unten, im selben Atemzug. Blau und Grün sind eng miteinander verwandt und ergänzen sich doch gegenseitig; in genau diesem Gleichgewicht der beiden verwandten Farben wohnt der Kreislauf des Lebens. Der Horizont ist die Linie, an der ein Atemzug in den nächsten übergeht.

An dieser Linie treffen zwei Welten aufeinander. Mit dem Kopf unter Wasser sieht man durch das blaugrüne Meer hindurch auf den Grund: Gestein, Sand, Meerespflanzen, die Lebewesen der Tiefe — eine eigene, in sich geschlossene Welt. Hebt man den Kopf heraus, um nach Luft zu schnappen, öffnet sich die andere: der ultramarinblaue Himmel bis zum Zenit, die Sonne, die Wolken, die Wasservögel und alles, was über dem Wasser lebt. Der Schwimmer durchquert in einem einzigen Zyklus beide Welten. Seine Züge und sein Atem tragen ihn von der einen in die andere und wieder zurück — und in seiner Wahrnehmung fügen sich die getrennten Reiche zu einem Einklang. Genau diesen Augenblick, in dem das Untenliegende und das Obere eins werden, hält das Ei fest.

Und es ist nie flächig blau: Oben steht das Dunkel am tiefsten, nach unten hellt es sich auf, bis das Ei am Fuß fast zu leuchten beginnt. Das ist Goethe als Form gegossen — „Blau ist Dunkel, das sich erhellt”. Das Ei wird so selbst zum kleinen Modell des Übergangs: ein Körper, der vom Dunkel ins Licht steigt, ohne dass eine Linie ihn teilt.

Das Ei als Kosmos

Eiform, in der Farben aus der Mitte heraus aufbrechen.
Ein anderes Ei: Hier bricht der ganze Farbreichtum aus der Mitte hervor.
Tafelmalerei auf Holz, 2022 · 35 × 21 cm

Andere Eier tun das Gegenteil: Sie halten nicht zurück, sondern lassen den ganzen Farbreichtum aus ihrer Mitte aufbrechen — das Ei nicht als Stille vor der Schöpfung, sondern als der Moment, in dem sie geschieht. Beides ist dasselbe Motiv von zwei Seiten: das Ei als das, was die ganze Welt noch in sich trägt.

Die Farbexplosion — und die erste Asche

Eiform: blauer Himmel über glühend orange-rotem Grund.
Blau gegen Orange — die beiden Pole der Farbenlehre prallen aufeinander, und unter dem Glühen liegt schon die erste Asche.
Tafelmalerei auf Holz, 2023 · 30 × 23 cm

Zwei Eier aus demselben Jahr treiben diese Explosion auf die Spitze. Im ersten steht der blaue Himmel über einem Grund, der glüht: Orange, Rot, Gelb — Blau und Orange sind bei Goethe das äußerste Gegensatzpaar, Dunkel, das sich erhellt, gegen Licht, das sich trübt. Hier stehen sie sich unverstellt gegenüber, und die Landschaft dazwischen brennt. Doch in dieses Glühen ist bereits etwas anderes eingewoben: die Agnihotra-Asche. Noch trägt sie das Feuer, noch leuchtet sie mit — aber sie ist da.

Eiform in Violett, Pink und Türkis mit grünen und roten Adern.
Pink, Violett, Türkis — die Palette kippt ins Unwirkliche; auch hier arbeitet die Asche schon im Grund.
Tafelmalerei auf Holz, 2023 · 39 × 30 cm

Das zweite geht noch weiter und verlässt die vertraute Welt: Über einem pink- violetten Grund öffnet sich ein türkiser Himmel, durchzogen von grünen und roten Adern — Farben, die kein Meer und kein Himmel mehr kennen, ein Ei wie von einem anderen Stern. Und auch hier arbeitet die Asche schon mit, eingebettet in den Farbrausch. So kündigt sich mitten im Höhepunkt des Zyklus leise sein Ende an: Die Explosion trägt ihre eigene Asche bereits in sich.

Das lebendige Ei — das Lichtei

Und dann wird das Ei lebendig. Was die gemalten Eier vorbereitet haben — Übergang, Konzentrik, ein dunkles Zentrum als Quelle — verdichtet sich in einer Arbeit, in der die Form den Träger wechselt: Aus der gemalten und geschieferten Eiform wird ein Körper aus Licht. Das Lichtei.

Lichtei im grünen Licht. Lichtei im blauvioletten Licht. Lichtei im warmen Bernsteinlicht.
Dieselbe Form, immer neue Farbe: Grün, Blauviolett, Bernstein — das Licht lässt das Ei jedes Mal ein anderes Leben hervorbringen.
Lichtskulptur, 2025 · 58 × 50 cm

Hier ist die Farbexplosion nicht mehr gemalt, sondern geschieht in Echtzeit: Mit der Beleuchtung wechselt das Ei seine Stimmung, und mit jeder Stimmung bringt es eine andere Welt hervor. Aus dem dunklen Zentrum strahlen die konzentrischen Ringe nach außen — der Ursprung, der sich entfaltet. Die Form, die als Bild begann, wird hier zur Erfahrung: ein begehbares Ereignis, in dem das Ei den Kosmos nicht nur zeigt, sondern ihn fortwährend neu erzeugt — das Ei, das das Leben hervorbringt.

Das Ei — Gefäß des Lichtes! Hier ist es buchstäblich wahr: eine Hülle, in der das Licht selbst wohnt, sich sammelt und Welt um Welt hervorbringt.

Die Verkehrung — Tanz auf dem Vulkan

Eiform auf den Kopf gestellt: die schwarze Asche oben, der ultramarinblaue Himmel glüht unten.
Die Welt steht kopf: oben die Asche, unten der Himmel — das Aufbäumen, bevor der Zyklus sich schließt.

Und kurz vor dem Ende kehrt sich die Welt noch einmal um. In diesem Ei liegt der ultramarinblaue Himmel unten, und die Asche drückt von oben herab — die Ordnung von Himmel und Erde ist gestürzt. Aber gerade dadurch leuchtet das Blau am Fuß umso trotziger, als wolle es sich nicht nehmen lassen, was ihm zusteht: ein Aufbäumen gegen den Tod. Eine letzte Party vor dem Ende, ein Tanz auf dem Vulkan — das letzte Abendmahl, bei dem das Licht noch einmal alle an den Tisch ruft, obwohl es weiß, was kommt.

Und dann die Asche

Eiform, ultramarinblauer Himmel, darunter ein dunkler Aschegrund.
Derselbe ultramarinblaue Himmel — doch darunter liegt nun die Asche.
Tafelmalerei auf Holz, 2023 · 43 × 36 cm

Dann kehrt die Welt in ihre Ordnung zurück — und gerade das ist das Ende. Der ultramarinblaue Himmel steht wieder oben, dramatischer noch als im ersten Ei; doch wo damals das smaragdgrüne Meer atmete, liegt jetzt die Agnihotra-Asche, dunkel und bedrohlich. Der Tanz ist vorbei. So spannen sich das erste und das letzte Ei zu einem Bogen: das Meer als Anfang, die Asche als Ende eines Zyklus — und dazwischen die ganze Farbexplosion.

Ursprung und Rückkehr

So ist das Ei für mich keine Laune, sondern eine wiederkehrende Frage: Wie sieht der Ursprung aus, bevor er sich entfaltet? Jede dieser Arbeiten ist ein anderer Versuch einer Antwort — und alle zusammen bilden eine Familie.

Unten findest du sie versammelt — und den Weg zurück in den Strom, aus dem du vielleicht gekommen bist: die Eiform-Pinnwand, auf der diese Formen weiterlaufen.


Das Ei — Gefäß des Lichtes.

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