9. Juni 2026

Die Geburt des Lebens aus dem Meer

journal form goethe eiform
Eiförmige Tafel: oben ultramarinblauer Himmel, unten türkis-smaragdgrünes Meer.
Das erste.
Tafelmalerei auf Holz, 2021 · 19 × 13 cm

Das Ei ist die Form, zu der ich immer wieder zurückkehre.

Es gibt Formen, die man wählt, und Formen, die einen wählen. Diese hier hat mich gewählt. Sie kam aus dem Wasser.

Eins

Beim Schwimmen in der Ostsee, den Kopf unter Wasser: zum Atemholen empor in den ultramarinblauen Himmel, zum Ausatmen hinab ins Smaragdgrüne. Der Horizont ist die Linie, an der ein Atemzug in den nächsten übergeht. Das Ei hält diesen Augenblick fest.

Es ist nie flächig blau. Oben steht das Dunkel am tiefsten, nach unten hellt es sich auf, bis das Ei am Fuß zu leuchten beginnt — Goethe als Form gegossen: „Blau ist Dunkel, das sich erhellt”.

Und noch eins

Eiform: blauer Himmel über glühend orange-rotem Grund.
Blau gegen Orange.
Tafelmalerei auf Holz, 2023 · 30 × 23 cm

Derselbe Himmel, ein anderer Grund. Wo eben noch das Meer atmete, glüht es. Blau und Orange sind bei Goethe das äußerste Gegensatzpaar: Dunkel, das sich erhellt, gegen Licht, das sich trübt. Zwischen diesen beiden Polen spannt sich alles auf, was danach kommt.

Und in das Glühen ist bereits etwas eingewoben, das man erst später erkennt: Asche. Noch trägt sie das Feuer — aber sie ist da.

Zwei

Eiform, in der Farben aus der Mitte heraus aufbrechen. Eiform in Violett, Pink und Türkis mit grünen und roten Adern.
Die Mitte bricht auf; die Palette kippt ins Unwirkliche.
Tafelmalerei auf Holz, 2022 / 2023

Fast alle alten Schöpfungserzählungen kennen dieses Gefäß. Im orphischen Mythos schlüpft die Welt aus einem silbernen Ei; die indische Überlieferung nennt es Brahmanda, das Ei des Brahma, in dem der ganze Kosmos zusammengefaltet liegt. Das Ei ist die Form des Noch-nicht — alles ist darin, nichts ist entfaltet.

Diese beiden halten nichts mehr zurück. Sie sind nicht die Stille vor der Schöpfung, sondern der Moment, in dem sie geschieht: türkiser Himmel über pink-violettem Grund, durchzogen von grünen und roten Adern — Eier wie von einem anderen Stern.

Drei

Eiform mit rot-grüner Farbexplosion. Eiform mit grünem Band über rotem Grund. Eiform in tiefem Blau über hellem Grund.
Aus dem Archiv: drei Eier derselben Jahre, bisher unveröffentlicht.

Sobald eine Form einmal gefunden ist, hört sie nicht mehr auf. Sie wiederholt sich nicht — sie vermehrt sich. Jedes neue Ei ist eine Variation über dieselbe Frage: Was liegt im Ursprung schon bereit, und was entsteht erst, indem es hervortritt?

Die Antwort fällt jedes Mal anders aus, und jedes Mal bringt sie das nächste Ei hervor. Deshalb wächst diese Seite von hier an nach Fibonacci: eins, eins, zwei, drei, fünf. Wachstum zählt nicht linear. Es addiert immer das, was schon da war, zu dem, was gerade dazugekommen ist.

Fünf

Eiform, blau über hellem Horizont. Eiform, tiefblauer Himmel über hellem Grund. Eiform, blaue Zone über hellem Nebel. Eiform, dunkler Himmel über türkisem Meer. Eiform, blauer Horizont über hellem Grund.
Die blaue Familie — dieselbe Frage, fünfmal anders beantwortet.

Das Blau kehrt zurück, und es kehrt geordnet zurück. Nach der Explosion legt sich der Horizont wieder waagerecht durch die Form: oben das Dunkel, unten das Licht, dazwischen die Linie, an der das Atmen umschlägt.

Es ist derselbe Bau wie beim allerersten Ei, nur ruhiger. Was am Anfang ein einzelner Augenblick unter Wasser war, ist jetzt ein Gesetz geworden. Und in einem der fünf liegt unten schon nicht mehr Meer, sondern Grau.

Acht

Eiform, blaugraue Zonen. Eiform, helles Grau über Blau. Kleine Eiform, Himmel über Meer. Eiform, ultramarinblauer Himmel über dunklem Aschegrund. Lichtei im warmen Bernsteinlicht. Lichtei im blauvioletten Licht. Lichtei im grünen Licht. Lichtei, Formstudie.
Acht: die letzten gemalten Eier, das erste mit Asche im Grund — und das Lichtei, in dem die Farbexplosion nicht mehr gemalt ist, sondern in Echtzeit geschieht.

Hier passieren zwei Dinge auf einmal, und sie gehören zusammen.

Das vierte Ei dieser Reihe trägt wieder den ultramarinblauen Himmel des Anfangs, dramatischer noch als damals — doch wo einmal das smaragdgrüne Meer war, liegt jetzt Asche. Nicht als Metapher: es ist Agnihotra-Asche, in den Grund eingearbeitet. Sie war schon im glühenden Orange versteckt; jetzt tritt sie offen hervor. Das erste und dieses Ei spannen einen Bogen, unter dem die ganze Farbexplosion Platz hat. Das Meer als Anfang, die Asche als Ende.

Und dann wird das Ei lebendig. Im Lichtei ist die Farbexplosion nicht mehr gemalt — sie geschieht, während man davorsteht. Mit der Beleuchtung wechselt das Ei seine Stimmung, aus dem dunklen Zentrum strahlen die konzentrischen Ringe nach außen: der Ursprung, der sich fortwährend entfaltet. Ein Ei, das den Kosmos nicht zeigt, sondern ihn erzeugt. Gefäß des Lichtes, hier buchstäblich: eine Hülle, in der das Licht selbst wohnt.

Dreizehn

Lichtei, Asymmetrie der Ringe. Lichtei im Detail.
Dreizehn Plätze, zwei besetzt. Die übrigen elf warten auf den Schiefer.

Aber die Asche ist nicht das letzte Wort. Wo etwas verbrennt und verdunstet, bleibt etwas zurück, das nicht vergeht: das Salz. Es schluckt das Licht nicht, es wirft es funkelnd zurück. Asche ist, was das Feuer übrig lässt; Salz ist, was das Meer übrig lässt. Beides sind Rückstände, aber nur eines davon glänzt.

Und das Meer, aus dem das erste Ei kam, ist älter als jede Küste. Hier, unter den Feldern von Bad Dürrenberg, liegt es noch: als Sole, eingedampftes Urmeer, das über die Bohrung wieder ans Licht kommt und am Gradierwerk über den Schwarzdorn rieselt, bis der Wind ihm das Wasser nimmt. Was dabei zurückbleibt, ist ein Meer, das älter ist als alles, was hier je gelebt hat, und das trotzdem noch schmeckt wie Meer.

Draußen zu Stein geworden, innen noch flüssig. Denn dasselbe Wasser tragen wir in uns: Schweiß und Tränen sind dieselbe Lösung. Zwischen dem Salz auf der Haut und dem Salz im Gestein liegt kein Unterschied, nur Zeit. Wir sind kleine Meere, die gelernt haben zu gehen — und jedes Ei, das aus dem Wasser geboren wurde, war immer auch ein Bild davon.

Die elf leeren Plätze in dieser Reihe sind keine Auslassung. Sie sind reserviert.

Einundzwanzig

Cosmic Eggs — einundzwanzig Formen, noch alle leer.

Dorthin geht der nächste Schritt. Nicht gemalt und nicht aus Licht allein, sondern aus Schiefer: Eier, die so lange in der Sole hängen, bis das Meer auf ihnen auskristallisiert.

Der Stein ist Meeresboden, zusammengepresst und aufgerichtet; die Sole ist das Meer darüber, eingedampft und wieder heraufgeholt. Beide waren einmal dasselbe Wasser. Ich bringe sie nur wieder zusammen und warte. Was dann geschieht, malt niemand: Verdunstung setzt Würfel um Würfel ab, Nacht für Nacht, bis das Ei einen Pelz aus Kristallen trägt. Im Streiflicht beginnt diese Haut zu funkeln, und man sieht nicht mehr, wo der Stein aufhört und das Meer anfängt.

Steuern lässt sich das nur an den Rändern, mit zwei gegenläufigen Werkzeugen. Geritzte Linien — die Blume des Lebens — fassen die Sole in ihren Rillen, dort kristallisiert sie zuerst und zeichnet das Ornament funkelnd nach. Wachs tut das Gegenteil: es zieht in den Schiefer ein, stößt die Sole ab und lässt dunkle Monde stehen, Leerstellen im Salzfeld. Licht und Schatten, Figur und Grund, beides aus derselben Lösung.

Damit schließt sich der Bogen, der beim ersten Ei anfing. Das Ei kam aus dem Meer; jetzt trägt es das Meer außen. Was in ihm zusammengefaltet lag, war nie nur Farbe — es war Salz: das Zeug, aus dem Sterne Planeten machen, Planeten Ozeane und Ozeane uns. Ein Ei, das im Salz steht, ist kein Bild des Kosmos mehr. Es ist ein Stück davon, das sich gerade selbst hervorbringt.

Einundzwanzig Plätze stehen bereit. Die ersten Bilder folgen bald an dieser Stelle.


Das Ei — Gefäß des Lichtes.

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