Runde Welten
Ich male keine Planeten — ich lasse sie erscheinen.
Neben dem Ei ist die zweite Form, die mich nicht loslässt, die Scheibe: der Kreis, in Holz gegeben. Ein Tondo, eine runde Tafel — und kaum liegt sie vor mir, ist sie keine Fläche mehr, sondern ein Himmelskörper. Das Runde trägt den Blick von selbst nach innen und macht aus jeder Bemalung eine kleine Welt.
Und der Stoff, mit dem viele dieser Welten entstehen, ist kein Pigment aus der Tube. Es ist Agnihotra-Asche — der Rückstand eines kleinen Feuerrituals, Materie, die durch Flammen hindurchgegangen ist. Gebunden in Leinöl, auf die runde Scheibe gegossen. Und während ich gieße, male ich nichts. Ich lasse etwas erscheinen: Ein Planet ist hier nicht dargestellt, nicht umrissen, nicht gezeichnet. Er tritt hervor — dort, wo Licht und Dunkel, Fließen und Stocken von selbst eine Welt bilden. Goethe hat das vor zweihundert Jahren beschrieben: Form entsteht nicht durch die Linie, sondern durch das Geschehen zwischen Hell und Dunkel.
Es beginnt mit Geometrie
Bevor Farbe ins Spiel kommt, steht oft die reine Geometrie. Die Blume des Lebens — überlappende Kreise, aus einem Punkt entfaltet — ist für mich kein Ornament, sondern ein Bauplan: Walter Russells „Spiel konzentrischer Wellen um ein zentrales Nichts”, sichtbar gemacht. Aus dem Punkt der Kreis, aus dem Kreis die Vielfalt. Die Scheibe trägt diese Ordnung schon in sich, ehe das erste Pigment sie berührt.
In der Werkstatt — die rohe Scheibe
Dann kommt das lange Dazwischen, das man auf fertigen Bildern nie sieht: die rohe, grundierte Scheibe. Asche und Bindemittel, in Grau gehalten, eine Oberfläche wie Mondstaub. Mehrere stehen gleichzeitig im Raum, in verschiedenen Stadien — der eigentliche Work in Progress. Hier ist noch nichts entschieden; jede Scheibe ist ein Planet, der noch nicht weiß, welche Welt er wird.
Ein Körper aus reinem Schatten
Der erste fertige Planet ist fast nichts. Eine dunkle Scheibe, links vom Licht gestreift, rechts ins Dunkel sinkend. Es gibt keine Kontur — und trotzdem wölbt sich die Kugel. Wer hinsieht, vollzieht die Rundung im eigenen Auge nach; die Plastizität liegt nicht auf der Tafel, sondern in der Wahrnehmung. Das ist Goethes Punkt in Reinform: Ich gebe nur den Übergang vor, den Körper macht das Auge.
Die matte Ascheoberfläche schluckt das Licht und gibt es gedämpft zurück, so dass der Planet eher zu glimmen als zu glänzen scheint. Verbrannte Erde, die wie ein Himmelskörper wirkt — der kleinste Stoff und der größte Maßstab im selben Objekt.
Dieselbe Welt, anderes Licht
Dann derselbe Planet noch einmal — aber das Licht steht anders, sammelt sich oben zu einem hellen Bogen. Wie der Mond zeigt sich der Körper in einem neuen Stand zur Quelle. Goethe nannte das die Steigerung: nicht Wiederholung, sondern dieselbe Form, die unter wechselndem Licht eine andere Erscheinung annimmt. Stellt man die beiden nebeneinander, sieht man plötzlich, dass ein Planet nie ein Bild ist, sondern eine Reihe von Augenblicken.
Jetzt kommt die Farbe
Beim nächsten bricht die Welt in Farbe auf. Grün-gelbe Landmassen ziehen über die Oberfläche, oben rechts drängt ein tiefes Violett herein. Und das ist kein Zufall: Gelb und Violett stehen sich in Goethes Farbkreis genau gegenüber. Sie sind Komplementäre — jede ruft die andere im Auge hervor. Ich habe sie nicht gemischt, sondern als Pole nebeneinandergesetzt, und genau dort, wo das Gelb am hellsten brennt, wird das Violett am tiefsten. Die Farben steigern einander, statt sich zur grauen Mitte auszulöschen. Ein fremder Planet — vertraut in der Form, unheimlich in der Spannung.
Eine Welt wird grün
Manche Scheibe geht noch einen Schritt weiter und wird ganz und gar lebendig. Goethe nennt das Grün den Ort, an dem Gelb und Blau zur Ruhe kommen — die Farbe des Lebendigen schlechthin. Genau das passiert hier: kontinentartige Inseln aus Gelb und Grün schieben sich aus dem dunklen Rand hervor, als sähe man eine bewohnbare Welt von außen. Geht man nah heran, löst sich das Ganze in eine eigene Landschaft auf:
Im Makro verschwindet der Planet, und es bleibt eine wuchernde, fast biologische Struktur — wie Moos, Schaum, Algen. Dieselbe Arbeit ist beides zugleich: aus der Ferne ein Gestirn, aus der Nähe ein Biotop. Das ist der Kern dieser runden Bilder — sie wechseln den Maßstab, und mit dem Maßstab die Welt.
Kein Körper mehr, nur noch Geschehen
Und am anderen Ende löst sich der Planet ganz auf. Kein runder Körper mehr — nur noch ein tiefes Blau, aus dem silbrige Adern hervorbrechen, verästelt, strömend. „Blau ist Dunkel, das sich erhellt”, schreibt Goethe, und hier wird der Satz zum Vorgang: Das Licht ist nicht aufgetragen, es tritt aus der Tiefe, dort wo das Material dünner wird. Das Bild steht still und fließt zugleich. Vom Körper zur reinen Strömung — vom Ding zum Ereignis.
Am Anfang war das Feuer
Und jetzt der eigentliche Anfang — den ich ans Ende stelle, weil man ihn erst versteht, wenn man die Planeten gesehen hat. Denn die gedämpften Asche-Planeten sind das, was übrigbleibt, wenn das Feuer erkaltet. Davor aber, vor der Asche, vor jeder Ordnung, steht dieses Bild von 2020:
Hier tritt die Farbe nicht leise hervor, sie explodiert. Aus einem goldgrauen Grund — der Farbe der Urasche selbst — bricht der gesamte Farbkreis auf einmal heraus: Rot, Gelb, Blau, Violett, Grün, Weiß, alles gleichzeitig, schleudernd, zentrifugal. Bei den Griechen war das Feuer das erste der Elemente; bei Platon das, woraus die sichtbare Welt zuerst entsteht. Am Anfang war das Feuer — und mit ihm, im selben Augenblick, die Farbe.
Und sie hört nicht auf. Bis heute entstehen Scheiben, die nichts zurückhalten — der ganze Farbreichtum bricht auf einmal auf, Rot, Blau, Gelb, Violett ineinander fließend, ein Kosmos im Moment seiner Entstehung. Das Graue ist bei Goethe nicht das Tote, sondern die Mitte, in der alle Farben ruhend beieinanderliegen; diese Bilder zeigen den Moment, in dem die Mitte zerspringt und ihren ganzen Reichtum freisetzt. Die Asche, aus der ich die stillen Planeten gieße, ist der kühle Rest genau dieses Feuers — sie trägt die Erinnerung an die Explosion in sich.
Warum das Ganze
Ich male keine Planeten, weil mich Astronomie interessiert. Mich interessiert die Frage dahinter: Wie entsteht eine Welt aus reinem Licht-Farb-Geschehen? Asche ist dafür der richtige Stoff — sie ist schon einmal durch eine Verwandlung gegangen, durchs Feuer, und trägt diese Verwandlung in ihrer Oberfläche. Aus dem Verbrannten das Kosmische: Mikrokosmos und Makrokosmos auf einer runden Scheibe.
Vom Geometrie-Raster über die rohe Scheibe, vom Körper aus Schatten über den Farbgegensatz und die grüne Welt bis zur reinen Strömung und zurück zum Feuer — das ist kein abgeschlossener Zyklus, sondern eine Familie, die wächst. Goethe schwebt über allen als der Geist, der sagt: Farbe ist kein Ding, sie ist eine Tat. Und der Betrachter ist kein Zuschauer, sondern der Ort, an dem die Tat geschieht.
Diese Seite wird mit der Werkstatt mitwachsen — jede neue runde Welt findet hier ihren Platz. Unten sind sie versammelt; schau dich um, und merk dir, was dich anzieht.
Die fertigen 2019er-Werke mit allen Angaben: black planet · black planet 2 · fremder Planet 1 · blue fluid. Erhältlich ausschließlich als NFT — wer das nächste verfügbare Stück sehen will, bevor es fort ist, findet den Weg über die Werke.
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